


In der interkulturellen Begegnung ist das Interesse am Thema Religion neu erwacht und der Beitrag der Theologie zum Dialog der Kulturen erfährt derzeit eine positive Neubewertung. Doch die wachsende interkulturelle Kommunikation fordert vom christlich-theologischen Diskurs auch eine hermeneutische Standortneubestimmung. In der postkolonialen Ära entstand in vielen Ländern der ursprünglich überseeischen Missionsgebiete, durch den Prozess der Indigenisierung und durch verstärkte Wahrnehmung der aktuellen Lebensbedingungen vor Ort, in der theologischen Reflexion eine emanzipatorische Bewegung gegenüber der »klassischen« europäischen Theologie. Die Kritik richtete sich gegen eine kontextvergessene Wesensgestalt der christlichen Botschaft, die durch Mission in andere kulturelle Räume implantiert, adaptiert oder inkulturiert wird, ohne dass sie sich Rechenschaft über ihre eigenen kulturell bedingten Voraussetzungen gibt. Während sich kontextuelle Theologie zunächst auf die Besonderheit von partikularen Lebenswelten konzentrierte, richtete sich das Hauptaugenmerk der Diskussion in den letzten zwei Jahrzehnten zunehmend auf Kontextualität als epistemologisches Grundmoment von Theologie.
Diese Bewegung der Regionalisierung von Theologie trifft in jüngster Zeit verstärkt auf neue Interpretationen sozialer Wirklichkeit durch die zunehmenden Globalisierungsprozesse. Lokale Gegebenheiten können nicht mehr isoliert von den vielfältigen globalen Verflechtungen betrachtet werden. Auch religiöse Traditionen lassen sich nicht mehr ohne Weiteres geographisch definieren, vielmehr ergibt sich durch Netzwerkstrukturen und Hybridität ein neues Bild. Intra- und interkulturelle Themen rücken in den Mittelpunkt und werfen die Frage nach der Transkulturalität der christlichen Botschaft neu auf.
Das Forschungsinteresse zielt deshalb auf die Frage der Verhältnisbestimmung von Partikularität und Universalität in kontextueller Theologie, wenn sie die aktuelle Neuzuordnung von Lokalität und Globalität berücksichtigt.
Im Mittelpunkt stehen die aktuellen Entwicklungen auf diesem Gebiet in Indien und China. Beide Länder besitzen eine lange Geschichte der Begegnung mit dem Christentum, die durch die jeweilige reiche religiöse und kulturelle Tradition viele unterschiedliche Facetten in der Reaktion auf den Kontext hervorgebracht hat. Durch die unterschiedlichen politischen Entwicklungen und die verschiedenen Gesellschaftsmodelle, ergibt sich zudem die Möglichkeit einer aufschlussreichen Kontrastierung.
In Indien ist christliche Theologie ursprünglich vor allem durch einen regen Dialog mit dem kulturbestimmenden Hinduismus gekennzeichnet. Dazu kommen in den letzten Jahrzehnten vermehrt sozial-politische, ökonomische und ethnische Fragen, die die Themen Gerechtigkeit und Gleichheit berühren. Unter dem Dach, der aus diesem Hintergrund entwickelten »Theologie des Volkes«, versammeln sich Dalit-Theologie, Theologie von Stammesangehörigen und feministische Theologie. Die Matrix bilden vor allem befreiungstheologische Ansätze. Neben der Dokumentierung und hermeneutischen Reflexionen dieser Segmente, gibt es auch bereits Ansätze theoretischer Bestimmung und methodologischer Systematisierung von Theologie im indischen Kontext.
In China hat sich die Entwicklung einer eigenständigen kontextuellen Reflexion, aufgrund der geschichtlichen und aktuellen politischen Situation, verzögert. Sowohl das Verhältnis von Evangelium und Sozialismus - wiederum mit den Themen Gleichheit und Gerechtigkeit -spielen eine Rolle als auch in jüngster Zeit eine wieder auflebende Auseinandersetzung mit den »klassischen« religiösen Traditionen, allen voran dem Konfuzianismus, der auch in der offiziellen kommunistischen Staatsdoktrin einen Neuwertschätzung erfährt. Eine Eigenart der theologischen Auseinandersetzung stellen die »sino-christlichen« Studien dar, die außerhalb kirchlicher Instituitionen vor allem in akademischen Kreisen verortet sind. Zum Teil besteht die Forschungsaufgabe in der Dokumentation und Systematisierung der Ansätze. Erste systematische Abhandlungen christlicher chinesischer Theologie kommen aus Taiwan.
Zur Analyse der aktuellen Vielfalt der Phänomene in den indischen und chinesischen Lebenswelten, auf die kontextuelle Theologie in einer Vielzahl von Zugängen reagiert, basiert das Projekt auf einem empirisch-qualitativen Zugang. Er eignet sich in besonderer Weise, um die Weite des Feldes zu erfassen und das Zueinander von Regionalität und Transkulturalität in Blick zu nehmen. Qualitative Methoden konzentrieren sich einerseits auf die ständig statt- findenden Rekonstruktionsprozesse sozialer Wirklichkeit durch ihre Akteure und gewährleistet somit den Kontextbezug, während sie andererseits gleichzeitig auf Sinnstrukturen rekurrieren, die in zentralen Themen der Lebensdeutung eine Gestalt bekommen und auch religiöse Motive umfassen. Insbesondere die Grounded Theory von Anselm Strauss, die die methodologischen Grundlagen für das Forschungsprojekt liefert, bevorzugt ausdrücklich die analysierende Theoriebildung gegenüber einer detailreichen Beschreibung. Darüber hinaus sieht die Methode die Ausweitung der bereichsbezogenen Theorien zu einer formalen Theorie vor, so dass eine Zusammenschau der Mikroebene (verschiedene kontextuelle Ansätze in Indien und China) mit der Mesoebene (bereichsbezogene Theorien kontextueller Theologie in Indien und China) und der Makroebene (transkulturelle Momente von Theologie im Kontext) anvisiert werden kann, ohne dass Informationsfülle oder Kontextverlust das Unternehmen verunmöglichen.
Nach dem Vergleich der Theorien wird sich eine hermeneutische Diskussion von Kontextualität anschließen, wobei die fortlaufende Analyse von Datenmaterial richtungsweisend für die Diskussion der religionsphilosophischen Implikationen bleiben wird. Das Ziel ist es, Voraussetzungen einer interkulturellen Theologie zu formulieren, die durch die Zusammenschau von Partikularität und Universalität, eine Kommunikation zwischen lokalem und globalem Kontext ermöglicht und zugleich normative Aussagen über aktuelle Entwicklungen erlaubt.
Kontakt: Dr. Markus Luber SJ (luber(at)iwm.sankt-georgen(dot)de)