Kontextuelle Theologie

Den Ausgangspunkt kontextuellen Theologisierens bilden sozio-politische, religiöse, ökonomische und ökologische Bedingtheiten einer Gesellschaft, die als unhintergehbarer Bezugsrahmen die Reflexion bestimmen. Die Vielfalt der lebensweltlichen Referenzpunkte führt zu einem theologischen Pluralismus, wie er sich in den Bezeichnungen Befreiungstheologie, Dalit-Theologie, Theologie von Stammesvölkern, Theologie des Volkes, Minjung-Theologie usf. äußert. Im Mittelpunkt stehen die Erfahrungen von Menschen, deren Situation durch Armut, Marginalisierung und Diskriminierung bestimmt ist. Deshalb geht es auch um eine prophetisch-kritische Beurteilung der ideologischen Wirklichkeit im Licht des Evangeliums, um die verursachenden Systeme und Strukturen aufzudecken. Entsprechend meint Kontextualisierung nicht nur die Vorstellung der Adaption oder Assimilation einer in jüdisch-hellenistischer Umwelt formulierten christlichen Botschaft an ein neues kulturelles Umfeld, sondern führt in einen Dialog des Evangeliums mit der Kultur. Da in diesem Sinne theologische Reflexion nicht von einem metalebensweltlichen Standpunkt aus geschehen kann, transzendiert die Rede von Kontextualisierung auch ein Verständnis von Inkulturation, das mit einem Wesenskern des Evangeliums jenseits der gesellschaftlichen und geschichtlichen Bedingtheiten operiert. Im Zuge des postkolonialen Diskurses wurde Kontextualität zum Charakteristikum der sogenannten Dritte-Welt-Theologie, die der »europäischen Theologie« den Vorwurf machte, sich kontextvergessen als alleinigen Maßstab theologischen Denkens zu gebaren. In jüngerer Zeit tritt in der kontextuellen Betrachtung das emanzipatorische Moment gegenüber »klassischer« Theologie zurück zugunsten einer neuen Verhältnisbestimmung von kultureller Partikularität und Universalität der christlichen Botschaft im Rahmen der aktuellen Globalisierungsdiskussion.

 

Verantwortlich: Dr. Markus Luber SJ (luber(at)iwm.sankt-georgen(dot)de)